Workshop: „Soziologische Perspektiven auf Resilienz“

19.05.2017

Workshop: „Soziologische Perspektiven auf Resilienz“

Prof. Dr. Martin Endreß und Dr. Benjamin Rampp (Universität Trier) zu Besuch am Graduiertenkolleg KRITIS

Bei der Konstruktion und Planung Kritischer Infrastrukturen kommt nicht selten die Forderung auf, man möge diese möglichst „resilient“ gestalten. Der Wunsch nach Resilienz ist jedoch nicht nur auf diesem Gebiet en vogue. Angesichts der in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu bewältigenden Umbrüche, Disruptionen und Bedrohungen erscheint Resilienz immer wieder als das erstrebenswerte Gute zur Bewältigung von Krisen. Prof. Dr. Martin Endreß und Dr. Benjamin Rampp von der Universität Trier haben in einem Workshop am Graduiertenkolleg KRITIS eine soziologische Perspektive auf Resilienz eröffnet und plädieren für ein sehr viel weiter gestecktes Verständnis von Resilienz, als es gemeinhin üblich ist.

Logo Forschergruppe Resilienz_klein

Die Referenten Endreß und Rampp, die am 19. Mai 2017 am Graduiertenkolleg KRITIS zu Gast waren, arbeiten an der Universität Trier in der Forschergruppe: „Resilienz. Gesellschaftliche Umbruchphasen im Dialog zwischen Mediävistik und Soziologie.“ Die Forschergruppe nimmt die gesellschaftlichen Umbrüche vom 13. – 16. Jahrhundert in den Blick und versucht dabei, das Konzept der Resilienz in einer geistes- und sozialwissenschaftlichen Lesart auf die Analyse historischer Konstellationen zu übertragen. Mediävistische Forschung geht dabei einher mit wissenssoziologisch angeleiteter Theoriebildung, um historisch-empirische Typologien von Resilienzprozessen, Resilienzressourcen, Resilienzstrategien und Resilienzdispositionen zu entwickeln und diese Konzepte für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung nutzbar zu machen.

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Prof. Dr. Martin Endreß und Dr. Benjamin Rampp (links und rechts am Kopf des Tisches) im Gespräch mit den Doktorandinnen und Doktoranden des Graduiertenkollegs KRITIS.)

Der Resilienzbegriff findet besonders in diesen vier Kontexten Anwendung: In der Sozial-Ökologie, in Psychologie, Therapie und Pädagogik, in der Entwicklungspolitik und nicht zuletzt im Sicherheitsdiskurs. In diesen Kontexten geht es in aller Regel um die Frage, wie man mit Veränderungen, die durch unterschiedliche Faktoren ausgelöst oder gar erzwungen werden, konstruktiv umgehen kann. Resilienz ist dabei meist ein sehr positiv besetzter Begriff, der auf ein „gutes Ende“ trotz auftretender Schwierigkeiten verweist. Gegen diese Normativität des Resilienz-Konzepts wandten sich die Referenten mit Nachdruck.

Denkt man wie Martin Endreß und Benjamin Rampp Resilienz als soziologische Prozesskategorie, kann es kein feststehendes gutes Ende geben, denn soziologisch prozessual zu denken bedeutet ein Denken mit offenem Ausgang. Es rücken weiterhin die strukturellen Ambivalenzen sozialer Phänomene in den Blick: Nicht für alle ist das Gleiche gut. Das gilt auch mit Blick auf Kritische Infrastrukturen. Resilienz ist keine Formel, die man nach einem festen Plan zur Anwendung bringen kann. Resilienz bedeutet sowohl Veränderung als auch Beharrung und gedacht als ein Konzept verweist sie auf ein spezifisches Spektrum an Handlungsoptionen. In ihrer begrifflichen Bedeutung und in ihren Effekten zeigt sich Resilienz als besonders vielgestaltige und komplexe Kategorie, die es aus wissenschaftlicher Perspektive auszuloten gilt.

Großes Interesse zeigten viele Kollegiaten vor allem am Konzept der „adapation cycles“, die nicht zuletzt die Dimensionen Raum und Zeit in Reaktionen auf Krisen abbilden helfen. Längere Debatten entzündeten sich auch an der Frage, wo die Grenze zwischen Resilienz oder Transformation eines Systems verläuft.

Obwohl der thematische Schwerpunkt der Trierer Forschergruppe anders gelagert ist als der des Graduiertenkollegs KRITIS haben sich im gemeinsamen Workshop hinsichtlich der Begriffsarbeit viele interessante Anknüpfungspunkte gezeigt. Ein projektübergreifender Austausch verspricht auch zukünftig interessante Impulse zu geben.

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