Konzept

Untersuchungsgegenstand des Graduiertenkollegs sind Kritische Infrastrukturen der städtischen Ver- und Entsorgung, der Kommunikation und des städtischen Transports. Die Systeme sind zum Nervensystem moderner Städte geworden, dessen Störung dramatische Krisen auslösen kann. Die wachsende Vulnerabilität moderner (Stadt)Gesellschaften durch infrastrukturelle Vernetzung wird inzwischen kontrovers diskutiert. Diese wird auf externe Bedrohungen der Infrastruktursysteme durch Naturkatastrophen, Terroranschläge, Pandemien und Cyberattacks, aber auch auf die wachsende Komplexität und die zunehmenden Interdependenzen der Systeme zurückgeführt.

Grundannahme des Kollegs ist, dass Kritische Infrastrukturen sowohl in zeitlicher wie auch räumlicher Hinsicht stark kontextabhängig und zugleich in multiple räumliche und zeitliche Beziehungen eingebunden sind. Ziel ist es, diese komplexen Systeme in ihren räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen zu verstehen und zu erklären. Dies geschieht in drei Forschungsschwerpunkten: Erstens wollen wir die Konstruktion technischer Infrastrukturen als „kritisch“ in den Blick nehmen, wobei wir neben technischen Funktionsnotwendigkeiten die sozialen und politischen Zuschreibungen herausarbeiten und in ihrer historischen und räumlichen Kontextgebundenheit beleuchten. Zweitens gehen wir davon aus, dass die komplexen räumlichen und zeitlichen Arrangements bei infrastrukturellen Funktionskrisen besonders gut erkennbar werden. Wir untersuchen daher Ausfälle von städti¬schen Infrastrukturen einschließlich der Bedingungen ihrer Vulnerabilität oder Resilienz. Drittens fragen wir danach, wie der Schutz vor und die Vorbereitung auf infrastrukturelle Funktionskrisen organisiert werden oder werden können (Prevention und Preparedness).

Während die traditionelle Infrastrukturforschung und -politik entlang einzelner Sektoren und Disziplinen organisiert waren, argumentiert das Graduiertenkolleg, dass die Herausforderungen nur durch sektorübergreifende Forschungsansätze und interdisziplinären Austausch von Geistes-, Sozial- und Ingenieurwissenschaften zu verstehen sind. Das Forschungs- und Qualifizierungsprogramm adressiert die große Interdisziplinarität auf drei Ebenen: konzeptionell durch den Bezug auf relevante Brückenkonzepte (Kritikalität, Vulnerabilität, Resilienz, Preparedness, Prevention), analytisch durch die Fokussierung auf die raum-zeitliche Kontextgebundenheit und Relationalität von Kritischen Infrastrukturen, gegenständlich durch die Untersuchung netzgebundener Systeme in Städten.

Aus der bisherigen Kollegsarbeit ergibt sich das Erfordernis, die konkreten Merkmale der Infrastrukturen stärker zu systematisieren. Eines der wichtigsten, auf alle Kritischen Infrastrukturen zutreffenden, Merkmale ist ihre Dynamik. Diese untersuchen wir derzeit in den Merkmalsbereichen Transformation, Zirkulation und System of Systems. Sie erlauben es, die Bedingungen von Konstruktion, Funktionskrisen und Schutz besser zu verstehen.

Das Graduiertenkolleg KRITIS wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.